“Mich würde in erster Linie interessieren, wie sich der Status der Sorgearbeit verändert” – Interview mit Lena Böllinger

Lena Böllinger ist freie Journalistin und Dozentin. Sie beschäftigt sich mit unter anderem mit der Rolle der Sorgearbeit in unserer Gesellschaft. Mark aus dem Expeditionsbüro hat mit ihr gesprochen.

Liebe Frau Böllinger, in einem Essay über gleichstellungspolitische Rückschritte im Rahmen der Corona-Pandemie haben Sie geschrieben, Sorgearbeit werde von vielen nach wie vor wahrgenommen als “quasi dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen zu können glaubt.” Warum ist das so?

Um das zu verstehen, müssen wir uns die Geschichte des Kapitalismus anschauen. Hier wurde das gesellschaftliche Leben in eine öffentliche und eine private Sphäre eingeteilt. Frauen wurden gewaltsam in die private Sphäre verbannt und sollten dort Kinder gebären und erziehen, Alte pflegen, sich um den Haushalt kümmern. All diese Tätigkeiten wurden wahlweise als gottgewollte oder natürliche „weibliche Aufgabe“ deklariert. Als Arbeit wurde das hingegen nicht angesehen, deswegen wurde es auch nicht bezahlt, deswegen wurde auch keine öffentliche Infrastruktur bereitgestellt. Man überließ es einfach den Frauen. Und daran hat sich bis heute im Kern leider wenig geändert. 

Inwiefern?

Frauen haben heute zwar alle Freiheit, sich an männliche Erfolgs- und Karrierenormen anzupassen, aber am Status der Sorgearbeit hat das nichts Grundsätzliches geändert. Im Gegenteil: Wir tun heute vielleicht noch mehr als vor der Emanzipation der Frauen so, als ob sich die Sorgearbeit nebenbei erledigen ließe und nennen das dann Vereinbarkeit. Oder wir tun so, als ließe sich die Sorgearbeit zu einer Ware machen, die man dann optimieren kann, wie den Produktionsprozess in einer Automobilfabrik. Das führt zu Einsparungen, Personalmangel und der berüchtigten „Pflege im Akkord“. Beides ist also falsch. Sorgearbeit lässt sich nicht nebenbei erledigen und auch nicht betriebswirtschaftlich rationalisieren – sie folgt einer eigenen ökonomischen Logik. Solange wir das nicht begreifen, bleibt die Sorgearbeit, was sie immer war: Eben jene dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, die bis zur Erschöpfung ausgebeutet wird, weil wir weder die Arbeit noch den Wert erkennen, die darin stecken. 

Sie fordern ein existenzsicherndes Grundeinkommen für Menschen, die Care-Arbeit leisten. Für wen sollte das genau gelten und wie würden Sie Care-Arbeit in diesem Kontext definieren?

Care-Arbeit umfasst alle materiellen und immateriellen Sorge- und Versorgungsarbeiten. Da geht es nicht nur um professionelle Pflegedienstleistungen. Es geht auch um bislang private, unbezahlte Sorgearbeit – um Mütter, die ihre Kinder erziehen, Kinder, die ihre alten Eltern pflegen, oder auch Menschen, die sich über kürzere oder längere Zeit um kranke Freunde kümmern. An diese Personengruppen denke ich auch, wenn ich ein Sorgegrundeinkommen fordere. Niemand, der oder die diese Tätigkeiten übernimmt, sollte mit unzureichenden Zuschüssen oder mickrigen Lohnersatzleistungen abgespeist werden und mit einem Leben in Altersarmut rechnen müssen. Sorgearbeit ist lebenswichtig und muss eigens und angemessen bezahlt werden, egal ob sie privat oder als professionelle Dienstleistung erledigt wird. 

Wie stehen Sie zur Idee, grundsätzlich ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle einzuführen?

Aus meiner Sicht lässt sich eine Debatte um ein Bedingungsloses Grundeinkommen nur dann seriös führen, wenn klar ist, wie hoch dieses Grundeinkommen sein soll und wie es finanziert werden soll. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen, das nur knapp über der Armutsgrenze liegt und dadurch finanziert wird, dass andere bedarfsgeprüfte Leistungen eingespart werden, lehne ich ab. Das führt letztlich zu einer Subvention des Niedriglohnsektors und einer noch stärkeren Aushöhlung des Sozialstaats. Wenn die Debatte jedoch tatsächlich die soziale, politische und kulturelle Teilhabe, die Bekämpfung verdeckter Armut und die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums in den Fokus rückt, finde ich das begrüßenswert. Denn dann reden wir ja zum Beispiel über höhere Reichensteuern, Erbschaftssteuern, Profitsteuern im Banken- oder IT-Sektor oder auch Besteuerung von Immobilienbesitz. Und wir reden dann auch über den Ausbau öffentlicher Infrastruktur, die bedingungslos zugänglich sein muss, statt immer weiter privatisiert zu werden. 

Lena Böllinger, freie Autorin und Dozentin

Wie müsste ein solches Grundeinkommen aus Ihrer Sicht aussehen?

Es müsste, wie gesagt, wirklich die politische, kulturelle und soziale Teilhabe und nicht nur gerade so ein Überleben mit täglichem Toastbrot garantieren. Es müsste verdeckte Armut zuverlässig bekämpfen. Es müsste individuell ausgezahlt werden, das heißt, das Konstrukt der Bedarfsgemeinschaft muss abgeschafft werden. Ein Zuverdienst müsste relativ lange möglich sein, ohne dass es gleich wieder zu empfindlichen steuerlichen oder anderweitigen Einbußen käme. Und es müsste aus meiner Sicht auch gewährleistet sein, dass nach wie vor unkompliziert Mehrbedarfe geltend gemacht werden können, ohne Schikane, ohne Demütigungen. Denn wir alle unterscheiden uns ja: Wir haben verschiedene Biografien, wir leben in Regionen, die mehr oder weniger teuer sind, manche von uns sind krank, manche haben Kinder, manche haben Behinderungen und so weiter. Diese Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Da ist es nicht gerecht, wenn einfach alle den gleichen Pauschalbetrag als Grundeinkommen kriegen. Ich glaube also, wir bräuchten auch mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen eine Bürokratie, die Bedarfe prüft. Wichtig wäre aber, dass diese Bürokratie den Menschen nicht mehr feindselig gegenüber steht, sondern unterstützend. 

Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen einen feministischen Aspekt haben?

Das ist sehr schwierig abzuschätzen. Innerhalb der feministischen Theorie wird diese Frage kontrovers diskutiert. Es gibt Stimmen, die sagen, wenn wir ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, würden Männer mehr Sorgearbeit übernehmen, Frauen wären ökonomisch unabhängiger und die unbezahlte Sorgearbeit würde insgesamt aufgewertet werden. Ich halte, ehrlich gesagt, alle drei Punkte für nichts weiter als naive oder hoffnungsfrohe Spekulation. Erstens könnten Männer jetzt auch schon mehr Sorgearbeit übernehmen, sie tun es aber in der Breite nicht wirklich, obwohl die „neuen Väter“ fleißig beklatscht und auch finanziell entschädigt werden. Zweitens glaube ich nicht, dass Frauen durch ein Bedingungsloses Grundeinkommen unabhängiger würden. 

Das müssen Sie erklären.

Die Philosophin und Ökonomin Ingrid Robeyns hat sich viel mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen aus feministischer Perspektive beschäftigt. Sie hat sich unter anderem auch empirische Studien angeschaut, die Maßnahmen bewerten, die im Bereich der Sorgearbeit ähnlich funktionieren wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Das Ergebnis ist recht deutlich: Männer übernehmen nicht mehr Sorgearbeit. Frauen reduzieren aber eher als Männer die bezahlte Erwerbsarbeit, um unbezahlte Sorgearbeit zu leisten. Mit einem Grundeinkommen hätten diese Frauen dann zwar vielleicht etwas mehr Geld, aber immer noch weniger Erwerbseinkommen als Männer. Damit blieben auch ökonomische Abhängigkeiten bestehen. Aus meiner Sicht sollten wir das zur Kenntnis nehmen und uns darauf konzentrieren, dass sich die Bedingungen in der Sorgearbeit verbessern, egal wie viele Männer dort arbeiten. 

Und die vermeintliche Aufwertung der Sorgearbeit durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, von der Sie sprachen?

Ich denke, dass wir in aller Deutlichkeit die Vorstellung zurückweisen müssen, dass das Bedingungslose Grundeinkommen zu einer Aufwertung der Sorgearbeit führen würde. Denn das Bedingungslose Grundeinkommen wird ja allen gezahlt. Ich kann mit diesem Einkommen theoretisch auch einem Hobby oder einem Selbstverwirklichungsprojekt nachgehen. Sorgearbeit ist aber kein nettes Hobby, sondern gesellschaftlich notwendige Arbeit. Wenn eine Mutter, die sich um ihre drei kleinen Kinder kümmert oder ihre Eltern pflegt, über das gleiche Einkommen verfügt, wie jemand, der tagsüber Segeln lernt und abends in einer Bar singt und sich so vielleicht noch ein bisschen was dazuverdient, läuft aus meiner Sicht etwas schief. Da werden die Sorgenden mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen nicht anerkannt, sondern abgespeist. Die feministischen Forderungen gehen über das Bedingungslose Grundeinkommen hinaus. Da geht es um Infrastruktur, kollektive Organisation und Bezahlung von Sorgearbeit. Und auch darum, anzuerkennen, dass es eben Arbeit ist, die zwar sinnstiftend sein kann, aber auch anstrengend, fordernd, überfordernd, ernüchternd und zuweilen gar schmerzhaft, weil man in einem schwer erträglichen Ausmaß mit zwischenmenschlicher Abhängigkeit und Ohnmacht konfrontiert ist. 

Wir von der Expedition Grundeinkommen fordern Modellversuche zum bedingungslosen Grundeinkommen. Was würde Sie an einem solchen Modellversuch besonders interessieren?

Mich würde natürlich in erster Linie interessieren, wie sich der Status der Sorgearbeit verändert.  Führt das zu mehr Anerkennung und Wertschätzung, wie oft behauptet wird? Oder wird die Sorgearbeit damit erst recht als eine Art Nebenbeitätigkeit wahrgenommen, um die sich all jene gefälligst kümmern sollen, die keiner Erwerbsarbeit nachgehen, wo sie jetzt doch immerhin ein Grundeinkommen bekommen? 

Liebe Frau Böllinger, herzlichen Dank für das interessante Gespräch.