“Es gibt 83 Millionen Gründe für ein bedingungsloses Grundeinkommen”

Expeditionsmitglied Mark im Gespräch mit Uschi Bauer von unserem Bündnispartner Mensch in Germany. Uschi Bauer (65) ist Journalistin, Kommunikationsberaterin, (Netz-)Aktivistin, Gesellschaftsentwicklerin, Mensch. Die gebürtige Bayerin lebt in Lörrach, ist verheiratet, hat zwei Töchter & zwei Enkel. Für die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens ist sie seit 2009 engagiert – als Mitgründerin der Krönungswelle, Landesvorsitzende BaWü der Partei Bündnis Grundeinkommen & Spitzenkandidatin BaWü bei der Bundestagswahl 2017. Seit 2021 stellvertretende Vorsitzende von Mensch in Germany e.V. neben Susanne Wiest als Vorsitzende & Prof. Dr. Sascha Liebermann als Schatzmeister des Vereins. Mensch in Germany ist als Marke eingetragen auf die Schipper Company Holding GmbH in Hamburg.

Liebe Uschi, Du hast mal gesagt: “Es gibt 82 Millionen Gründe für ein bedingungsloses Grundeinkommen.” Kannst Du erklären, was Du damit meinst?

Inzwischen sind es schon mehr als 83 Millionen Gründe: Jeder einzelne Mensch in Deutschland soll selbstbestimmt und eigenverantwortlich sein Leben gestalten können – dafür ist das bedingungslose Grundeinkommen die Basis. Das BGE ist der Schlüssel zur Freiheit, damit jede:r das individuelle Potenzial entfalten und einen Beitrag zu einer solidarischen, nachhaltigen, friedlichen Gesellschaft leisten kann.

Was würde ein bedingungsloses Grundeinkommen für Dich persönlich bedeuten?

Das zu tun, wofür mein Herz brennt! Aktuell würde es mich freistellen, um mich noch mehr gesellschaftspolitisch engagieren zu können. Mich treibt die Liebe zu den Menschen an: Ich möchte, dass alle ein gutes Leben haben können und wir einen Boden in die Gesellschaft einziehen, der alle trägt. Dass niemand mehr ins Bodenlose fallen kann. Das bedingungslose Grundeinkommen ist für mich die physische Manifestation der bedingungslosen Liebe. Und wenn die (Existenz-)Angst weg ist, verändert sich alles. Zum Guten. Mich wundert manchmal, wie lange diese Erkenntnis braucht, um sich durchzusetzen.

Uschi Bauer von Mensch in Germany
Uschi Bauer von Mensch in Germany, © Jule Kornel 

Mensch in Germany setzt sich tatkräftig für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Worin bestehen Eure konkreten Ziele, also: Wie stellt sich Mensch in Germany den Weg zum BGE vor?

Mensch in Germany trat im Frühjahr 2020 in Aktion, um die Bundestagspetition von Susanne Wiest zur Einführung eines Krisengrundeinkommens während Corona zu pushen. Mithilfe eines großartigen Netzwerks – Expedition Grundeinkommen, Mein Grundeinkommen, Change.org & einem breiten Bündnis aus der Zivilgesellschaft – haben wir 176.134 Mitzeichnende mobilisiert. Es wurde die bis dahin größte Online-Petition aller Zeiten an den Deutschen Bundestag. Bei der Anhörung im Petitionsausschuss präsentierten Susanne Wiest & Prof. Dr. Bernhard Neumärker von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg, das Nettogrundeinkommen, das sofort implementierbar war und nach der Pandemie problemlos zu einem permanenten BGE hätte ausgebaut werden können. Bis heute gibt es kein abschließendes Votum des Ausschusses zu unserem Vorschlag – mit dem wir alle in Deutschland resilient durch die Corona-Zeit gekommen wären und der kostengünstiger gewesen wäre als die staatlichen finanziellen Maßnahmen. Deshalb wollen wir die Dinge nun selbst in die Hand nehmen und haben dazu den überparteilichen, unabhängigen Mensch in Germany e.V. gegründet. Zweck des Vereins ist die Förderung von Bildung, Wissenschaft & Forschung zum Grundeinkommen – mit dem Ziel, es einzuführen für alle, die es wollen, um die dringend notwendige sozial-ökologische Transformation zu bewältigen. Dafür arbeiten wir an einem selbstorganisierten Modell, in dem Gelder gesammelt und zugänglich für alle Menschen als Grundeinkommen ausgezahlt werden. Sozusagen Kreativkapital generiert wird durch brandneue Allianzen, um eine echte Balance zu erzeugen für eine gerechte Gemeinwohlgesellschaft.

Ihr habt Euch dieses Frühjahr dem Volksentscheid Grundeinkommen in Berlin angeschlossen. Warum?

Weil wir eine Bündelung der Kräfte für eine gute Idee halten und die unterschiedlichen Player in der Grundeinkommensszene sich immer gegenseitig unterstützen sollten.

Was würde Dich an einem Modellversuch zum BGE am meisten interessieren?

Modellversuche erkunden wertvolle Erkenntnisse zum Lebensgefühl mit dem BGE. An Eurem Modellversuch interessiert mich, wie stark die Menschen in Deutschland sich für ein Volksbegehren bzw. einen Volksentscheid begeistern lassen. Eigentlich ist das BGE der Elefant im Raum – unübersehbar und doch unsichtbar. Ich bin gespannt, wann sich der Knoten im Kopf löst für die Antwort auf viele Herausforderungen unserer Zeit und wann die Menschen bereit sind für neues Denken & Handeln.

Was denkst Du: Wann und wie wird das Grundeinkommen eingeführt?

Von mir aus morgen. Ich staune ja immer wieder, wie Menschen Kürzungen staatlicherseits hinnehmen, ohne mit der Wimper zu zucken. Doch geht es darum, uns Bürger:innen Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit mehr Geld zuzutrauen, sind unsere Politiker:innen gnadenlos gestrig, kontroll- und machtbesessen. Aus meiner Sicht geht es darum, uns unserer Souveränität bewusst zu werden. Darauf zielte im Übrigen das zivilgesellschaftliche Engagement mit der Krönungswelle, das wir 2017 zugunsten des politischen Engagements mit der Partei Bündnis Grundeinkommen auslaufen ließen. Nach 350.000 gekrönten Häuptern seit 2009 dachten wir, der Kernsatz ‚Wenn jeder sein eigener König ist, muss keiner der König des anderen sein‘ sei verinnerlicht. Zu früh gefreut? Jedenfalls ist es nie zu spät, selbstbewusst die Zügel in die Hand zu nehmen, Zeitsouveränität einzufordern, den Wertewandel zu beflügeln, Bewusstsein für eine Sinngesellschaft zu schaffen – kurz: miteinander und füreinander eine bessere Welt zu gestalten. Die Zeit ist mehr als reif für das bedingungslose Grundeinkommen. Gemeinsam schaffen wir’s, logo.

Danke, liebe Uschi, für Deine Gedanken zum Grundeinkommen!

Sehr gerne!