“Die größte Änderung durch ein Grundeinkommen wäre eine Machtverschiebung”: Interview mit Kabarettistin Anny Hartmann

Anny Hartmann setzt sich als Kabarettistin seit vielen Jahren für eine weltoffene Gesellschaft, für Klimaschutz und für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Im Interview mit der Expedition Grundeinkommen erklärt sie, was die Idee für sie bedeutet und was sie sich von der Politik wünscht.

Liebe Anny Hartmann, Künstler*innen und Solo-Selbständige haben angesichts der Corona-Pandemie harte Jahre hinter sich. Was hätten Sie sich von der Politik konkret gewünscht?

Ich hätte mir von der Politik eine Lösung gewünscht, die dem Kurzarbeitergeld ähnelt. Oder einfach einen Blick über die ein oder andere Grenze. In anderen Ländern bekamen Solo-Selbständige vom Finanzamt zwischen 60 und 80 % des Vorjahresumsatzes als Ersatz für die entgangenen Umsätze.

Und vor allem wäre eine höhere Wertschätzung für die Kultur extrem wichtig gewesen! Kultur als verzichtbare Freizeitbeschäftigung zu be- und damit zu entwerten, das war ein großer Fehler. Demokratien leben auch von der Kultur, sie ist eine der tragenden Säulen.

Sie sprechen sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Wie würde sich Ihr eigenes Leben dadurch verändern?

Mein eigenes Leben wohl nicht so stark: Ich habe das Glück, in einem Beruf zu arbeiten, den ich mir frei ausgesucht habe, den ich gerne ausübe und mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

Für viele andere Menschen würde sich meiner Meinung nach viel ändern. Denn viele machen ihren Job nur, weil sie keine andere Wahl haben. Das nutzen viele Unternehmen aus und bezahlen diese Menschen schlecht. Ich glaube deswegen, die größte Änderung durch ein Grundeinkommen wäre eine Macht-Verschiebung: Denn diejenigen, die sich heute als Arbeitgeber*innen bezeichnen, sind eigentlich die Arbeitnehmer*innen – sie nehmen die Arbeitskraft der Angestellten und nutzen diese aus. Durch ein Grundeinkommen könnten endlich die wirklichen Arbeitgeber*innen frei entscheiden, wem sie ihre Arbeitskraft unter welchen Bedingungen zur Verfügung stellen.

Anny Hartmann (c) BR/FotoSessner

Wie, glauben Sie, könnte sich die Gesellschaft mit einem Grundeinkommen verändern?

Ich glaube, dass ein Grundeinkommen im derzeitigen neoliberalen kapitalistischen System nicht funktionieren würde. Um den Klimawandel aufzuhalten, müssten wir uns aber sowieso von diesem Wachstumsdiktat befreien. Und da wäre das Grundeinkommen eine große Hilfe. Wir brauchen den Wandel von Wachstum und Konkurrenz zu Gemeinwohl und Kooperation.

Die Expedition Grundeinkommen startet Modellversuche, damit wir die gesellschaftliche Diskussion übers Grundeinkommen informierter führen können. Welche Erkenntnisse aus einem solchen Modellversuch wären für Sie am interessantesten?

Ach, die gab es doch schon häufig, in vielen Ländern wurden schon „Modellversuche“ gemacht. Und IMMER wurde die größte Angst der Grundeinkommens-Gegner*innen widerlegt. Angeblich geht ja mit einem Grundeinkommen niemand mehr arbeiten. Und das stimmt nun mal nicht. Die Menschen suchen sich eher Tätigkeiten, die sie lieber machen, machen sich selbständig und sind oft glücklicher, weil sie von der Existenzangst befreit sind. Und Frauen können sich emanzipieren. Und das ist ein weiterer wichtiger Baustein auf dem Weg zur Klima- bzw. Menschenrettung. Das Klima kommt ja gut ohne uns klar.

Außerdem sind glückliche Menschen seltener krank und eine angstfreie Gesellschaft kann eigentlich nur den bisher Mächtigen Angst machen.