Kunst, Kreativität und Konkurrenz: Berliner DJ Diana May über die Hürden als Künstler*in und das Grundeinkommen

Diana May ist DJ, Produzentin und Coach. Die gebürtige Russin kam als Kind nach Österreich, hatte das Musizieren seit ihrer Kindheit in den Genen und machte sich früh als DJ einen Namen. Später kam sie in nach Berlin, die Metropole der elektronischen Musik und der Clubkultur. Wie sie es schaffte, trotz vieler Hürden als DJ erfolgreich zu werden und wie sich ihr Leben durch ein Grundeinkommen verändert hätte, haben wir im Gespräch mit Diana herausgefunden.

Expedition Grundeinkommen: Liebe Diana, du bist DJ und hast damit nicht gerade einen 0815-Job. Wie ist es dazu gekommen?

Diana May: Musik war schon immer wichtig für mich. Meine Mutter ist damals aus Russland nach Österreich gekommen, weil sie sich für mich bessere Ausbildungs- und Berufschancen gewünscht hat. Daher habe ich erstmal etwas “Richtiges” studiert: Transkulturelle Kommunikation, um später Dolmetscherin zu werden. Ich war schon immer leidenschaftliche Clubgängerin und habe neben dem Studium als Light Jockey im Club gearbeitet. Das Auflegen hat mich von Anfang an gereizt. Ich habe dann angefangen, mich mehr damit zu beschäftigen und zu Hause das Auflegen gelernt.

E: Und wie ist aus dem Hobby ein Beruf geworden? 

D: Ich bin damals in die Clubs gegangen und habe nach und nach Leute kennengelernt. Am Anfang habe ich alle noch so kleinen Jobs angenommen, um in der Szene Fuß zu fassen. Irgendwann kamen die ersten Gigs in meiner Umgebung, später in ganz Österreich und irgendwann auch europaweit. Österreich wurde mir dann zu klein und deshalb bin ich mit meinem Freund, der auch Musiker ist, nach Berlin gezogen. Hier habe ich mich auf Techno spezialisiert. In Berlin musste ich nochmal ganz von vorne anfangen.

E: Kann man sich allein mit dem DJing über Wasser halten?

D: Reich werden mit dem Auflegen wirklich die wenigsten. Anfangs hatte ich noch einige Nebenjobs, z.B. an der Bar. Mittlerweile habe ich mir mehrere Standbeine aufgebaut. Vor Corona hatte ich meist 3-4 Auftritte pro Woche. Außerdem arbeite ich selbstständig als Produzentin und als Artist Coach. Ich unterrichte also DJs und Musiker*innen: von Einführungen ins DJing und Beatmatching bis hin zum Motivationstraining. So kann ich meinen Coachees mitgeben, was ich bisher gelernt habe und ihnen helfen, die Hürden auf dem Weg zum Erfolg zu meistern.

E: Welches sind denn die größten Hürden?

D: In der Szene ist die Konkurrenz groß und alles läuft über Kontakte. Wenn man Glück hat und die richtigen Leute kennenlernt, darf man mal probespielen. Dann muss man direkt überzeugen. Es ist viel Arbeit, wenn man noch keinen Namen hat. Man muss sich wirklich beweisen, ganz besonders als Frau in einer Szene, die insbesondere außerhalb von Berlin noch sehr von Männern dominiert ist. Wenn man Glück hat, bekommt man eine kleine Gage. Aber man spielt am Anfang auch oft unbezahlt. Finanzielle Unabhängigkeit ist daher ein großes Thema. Es ist für Künstler*innen enorm wichtig, unabhängig zu sein und das bereitet vielen enormen Stress. 

Diana May im Gespräch mit der Expedition Grundeinkommen. © Stefan Lengsfeld

E: Wie wirkt sich dieser Stress auf das kreative Schaffen aus?

D: Für einen kreativen Prozess muss man sich gut fühlen, man braucht eine gewisse innere Ruhe dazu. Wenn man dabei aber ständig daran denkt, dass einem das Geld fehlt und man nebenher arbeiten gehen muss, um sich seinen Traum verwirklichen zu können, das macht schon einen großen Druck. Als Künstler*in braucht man kreative Phasen und Freiraum für seine künstlerische Entwicklung. Der Geldstress macht einem das oft kaputt.

E: Wie hat sich deine Situation durch die Corona-Pandemie nun verändert?

D: Mit der Schließung der Clubs und Veranstaltungsorte ist die Grundlage meiner gesamten Branche weggebrochen. Es sind dann bald Plattformen zur Unterstützung von Clubs und Künstler*innen entstanden, zum Beispiel “United We Stream”. Ich habe ein paar Online-Auftritte gehabt, dafür aber maximal eine Aufwandsentschädigung erhalten. Die Clubs leiden wirklich stark unter Corona und haben kein Geld mehr. Es war ein ziemlicher Einbruch für die gesamte Branche. Ich hatte das Glück, eine Festanstellung in einer Care-Firma zu bekommen und habe jetzt ein festes monatliches Einkommen. 

E: Hast du auch überlegt staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen?

D: Als Selbstständige konnte ich die Corona-Soforthilfen in Anspruch nehmen. Davon kann man jedoch weder seine Miete zahlen noch den Kühlschrank füllen. Hartz 4 wäre keine Option für mich. Die Beschränkung von Reisen, die Zuverdienstgrenzen und die Pflicht, all meine persönlichen Ausgaben offenlegen zu müssen, hätten mich sehr abgeschreckt. Es wird mit einem umgegangen, als sei man das unterste Ende der Gesellschaft, als sei man einfach zu blöd, einen “richtigen” Job zu finden. Als Künstlerin fühlte ich mich so nicht wertgeschätzt. Dieses System ist für mich nicht mehr stimmig.

E: Stell dir mal vor, es gäbe ein Grundeinkommen. Wie würde sich dein Leben dadurch verändern?

D: Als Selbstständige kann man kaum Urlaub machen, auch krank sein ist schwierig – da arbeitet man auch mal mit Fieber. Man spielt an Wochenenden und Feiertagen. Wenn man einen Job absagt, bekommt ihn jemand anderes. Dieses Zerreißen würde mit dem Grundeinkommen deutlich minimiert werden. Vor allem für Frauen wäre das ein Vorteil. Beim Grundeinkommen gibt es keine genderbezogene Benachteiligung. Das würde das Selbstwertgefühl enorm steigern. Man wäre auf gewisse Dinge nicht mehr so angewiesen, könnte viel besser selektieren und Veranstaltungen ablehnen, die nicht fair bezahlt werden oder die einen nicht gut behandeln. Man würde sich von innen heraus viel gestärkter fühlen und der Druck, aufgrund des finanziellen Stresses Jobs annehmen zu müssen, würde abnehmen. 

E: Hast du konkrete Forderungen, wie wir diesem Szenario näherkommen können?

D: Zunächst einmal wünsche ich mir eine Entstigmatisierung von Menschen, die künstlerische Berufe ausüben. Viele verstehen offenbar nicht, dass diese Berufe harte Arbeit bedeuten und sehen darin keinen Wert für unsere Gesellschaft. Außerdem müsste vor allem der Staat endlich Verantwortung übernehmen. Es kann nicht sein, dass Grundeinkommensprojekte nur über Spenden von Menschen zustande kommen und seitens der Politik gar nichts passiert. Hartz 4 wurde auch mal eingeführt – aber das ist nicht in Stein gemeißelt. Das System ist von Menschen geschaffen, genauso wie unsere Regierung und unsere Gesetze – ergo: Wir Menschen können das alles ändern!

E: Das waren tolle Schlussworte. Vielen Dank für das Gespräch! 

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Foto oben: Fidel Fernando (Unsplash)
Foto im Text: Stefan Lengsfeld

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